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Wegweiser in der Schule – ein Gespräch aus der Praxis

Viele Schulen im Vest arbeiten engagiert mit Wegweiser zusammen. Wir haben uns mit Vertreterinnen einer dieser Schulen unterhalten.

Zunächst einmal würde ich vorschlagen, dass Sie sich alle vorstellen, damit wir wissen, mit wem wir es heute zu tun haben.

Wollnik-Lück: Mein Name ist Daniela Wollnik-Lück, meine Unterrichtsfächer sind Chemie und Biologie. Ich bin die Schulleiterin des Riesener Gymnasiums seit Dezember 2025.

Rienhoff: Mein Name ist Christina Rienhoff. Ich unterrichte die Fächer SoWi, Politik, Pädagogik und Deutsch und bin seit 2009 hier an der Schule und Klassenlehrerin einer 8. Klasse.

Tichay: Mein Name ist Jasmin Tichay. Ich bin kommunale Schulsozialarbeiterin, hier am Riesener Gymnasium seit 2024 eingesetzt.

Inwiefern spielt Extremismus eine Rolle an Ihrer Schule? Haben Sie dahingehend schon einmal etwas bemerkt?

Wollnik-Lück: Extremismus als Einzelthema ist hier nicht aufgetreten. Was sicherlich schon mal auftaucht sind vereinzelt Konflikte zwischen Schülerinnen und Schülern. Es sind überwiegend alltägliche Konflikte, wo eben manchmal auch die „Rassismus- Karte“ gespielt wird.

Mit „Rassismus-Karte“ meinen Sie, dass ein Kind ein anderes als Rassist beschuldigt?

Wollnik-Lück: Zum Beispiel. Oder eben umgekehrt: „Du hast was gegen Türken!“, „Du hast was gegen Russen!“… Selten gibt es aber auch Konflikte, die sich auf die Herkunft oder auf die Religion beziehen: „Du bist ja gar keine richtige Muslimin, du trägst ja gar kein Kopftuch“, zum Beispiel.

Und wie wird damit in der Schule umgegangen?

Wollnik-Lück: An der Stelle sind wir auf Wegweiser zugegangen, weil uns zum einen wichtig war, das Kollegium zu professionalisieren. Andererseits wollten wir auch den Horizont der Schülerinnen und Schülern ein wenig erweitern: Welche unterschiedlichen Religionen gibt es überhaupt? Wie gehen wir eigentlich miteinander um? Und das Ganze eben abgekoppelt von ‚Schule‘. Denn Lehrkräfte haben in den Augen der Schülerinnen und Schüler immer eine bewertende Funktion. Dadurch sind die Schülerinnen und Schüler nicht so offen – dann stellen sie auch nicht die Fragen, die sie wirklich bewegen, die sie sich vielleicht auch nicht trauen, zuhause zu stellen. Deshalb war unser Weg, dafür außerschulische Partner in die Schule zu holen.

Tichay: In den Workshops zeigte sich auch, dass die Schülerinnen und Schüler nicht so viel über ihre eigene Religion wissen. Manchmal wird über das Elternhaus auch eine einseitige Sicht vermittelt. Da hat Wegweiser geholfen, ausführlicher zu informieren. Wegweiser hat ein umfangreiches Fachwissen über die religiösen und kulturellen Unterschiede und konnte diese den Schülerinnen und Schülern gut erklären.

Rienhoff: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir hier versuchen, diese Multikulturalität positiv zu nutzen, was gewinnbringend sein kann. Dass man die Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisiert, dass man von Wertung und Bewertung bei Menschen oder Kulturen generell absieht.

Wie wurde an Ihrer Schule konkret die Unterstützung durch Wegweiser für die Schülerinnen und Schüler genutzt?

Rienhoff: In meiner 8. Klasse zum Beispiel hat Wegweiser an zwei pädagogischen Tagen die Schülerinnen und Schüler ausführlich aufgeklärt (teilweise auch über ihre eigene Religion, weil viel falsches Wissen im Umlauf war). Dass es nicht „die eine Religion“ gibt, und dafür andere Religionen abgewertet werden. Damit wurde versucht, das Wissen der Schülerinnen und Schüler zu erweitern. Dieser Workshop hat der Klasse auch gutgetan, auch fürs Miteinander. Nicht, dass da großartig Schwierigkeiten waren, aber einfach mal dafür zu sensibilisieren, ein bisschen präventiv zu arbeiten, dass eben aufgrund der unterschiedlichen Religionen und Herkunftsländer trotzdem ein gutes Miteinander möglich ist.

Und hatten Sie auch den Eindruck, dass der Workshop bei den Jugendlichen gut ankam?

Rienhoff: Auf jeden Fall. Wegweiser hat die Workshops mit der Klasse ausgewertet und sich ein Feedback eingeholt – das war durchweg positiv!

Tichay: Es wurde ja auch schon mit Wegweiser viel zum Thema „Vielfalt“ gearbeitet, da war Wegweiser noch mehrmals in der Klasse 5 – mittlerweile ist es die 6. Klasse. Danach ging es weiter, auch auf Wunsch der Schülerinnen und Schüler. Dann hatte Wegweiser auch noch das „Theater der Unterdrückten“ mit ihnen gemacht, wo Szenen dargestellt wurden wie: Ein Mädchen wird wegen ihres Kopftuchs im Bus angepöbelt, andere Schülerinnen und Schüler konnten einschreiten. Also, wo zum Beispiel auch eigene Erfahrungen aufgearbeitet werden konnten.

Wollnik-Lück: Viele Fragen wurden von den Schülerinnen und Schülern selbst aufgeworfen, und daraus ist dann eben auch die regelmäßige AG mit Wegweiser entstanden, die ja auch von unterschiedlichen Schülerinnen und Schülern immer wieder besucht wird. Und ich glaube, da wird schon ganz deutlich, dass bei den Kindern selber auch ein Aufklärungsbedarf besteht. Es ist der Blick über den Tellerrand hinaus, der einfach manchmal fehlt, und da sehen wir hier ganz deutlich unsere Aufgabe.

Tichay: Teilweise hat Wegweiser die Workshops mit den Schülerinnen und Schülern auch alleine gemacht, sodass sie dann offen sprechen konnten – ohne Bewertung. Wo sie auch einfach mal ihre Meinung äußern konnten. Gerade wenn es zum Beispiel um den Nahostkonflikt geht, wo auch Schülerinnen und Schüler teilweise betroffen waren, die dort Familie haben, wurden sie von Wegweiser professionell begleitet.

Aus Ihren Schilderungen entnehme ich, dass Sie für all diese Maßnahmen sehr viele Kapazitäten zur Verfügung stellen. Das ist ja eine große Investition – würden Sie sagen, dass sich das lohnt?

Wollnik-Lück: Auf jeden Fall. Durch die Präventionsarbeit sparen wir an anderer Stelle die Zeit, die wir jetzt für einen Workshop in einer Klasse investieren, wieder ein, weil weniger Konflikte auftreten. Weil die Schülerinnen und Schüler miteinander viel mehr harmonieren. Weil durch die Aufklärungsarbeit bestimmte Dinge im Vorfeld schon abgearbeitet sind. Bei den Kolleginnen und Kollegen genauso: Ich muss denen ja auch die Möglichkeit geben, sich fortzubilden, um mit einer Expertise in Konflikte zu gehen.

Jetzt sind Sie schon gut aufgestellt. Würden Sie dennoch sagen, dass Sie an der einen oder anderen Stelle noch Unterstützung oder weitere Angebote benötigen?

Wollnik-Lück: Es wäre natürlich toll, wenn es ganz viele außerschulische Angebote gäbe. Denn wir merken ja auch, dass Wegweiser in seinen Ressourcen begrenzt ist. Daher wäre es wünschenswert, wenn entweder Wegweiser weitere Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommt, um noch mehr Präventionsarbeit an Schulen anzubieten, oder wenn es eben noch weitere Angebote zur politischen Bildung gäbe.

Tichay: Es ist ja auch eine Kostenfrage. Bei Wegweiser ist es hilfreich, dass das Angebot kostenfrei ist.

Wollnik-Lück: Ja, auch die Mittel eines Fördervereins haben ihre Grenzen. Daher ist es toll, dass Wegweiser seine Leistungen unentgeltlich anbietet – das ist für Schulen ein maximaler Gewinn.