Der aktuelle Verfassungsschutzbericht für Nordrhein-Westfalen zeichnet ein klares Bild: Die Bedrohung durch Extremismus verändert sich – sie wird digitaler, internationaler und schwerer zu greifen. Besonders deutlich zeigt sich das in den Bereichen Islamismus und auslandsbezogener Extremismus.
Islamismus: Konstante Gefahr mit neuen Dynamiken
Der Islamismus bleibt eine der zentralen sicherheitspolitischen Herausforderungen in NRW. Die Zahl der Anhänger:innen im salafistischen Spektrum ist leicht gestiegen und liegt inzwischen bei über 4.000 Personen. Doch entscheidender als die reine Größe der Szene ist ihr Wandel. Sicherheitsbehörden beobachten zunehmend eine „Verlagerung der Radikalisierung ins Internet„. Propaganda wird professioneller verbreitet, teilweise unter Einsatz neuer Technologien wie künstlicher Intelligenz. Vor allem junge Menschen geraten über soziale Netzwerke in Kontakt mit extremistischen Inhalten – oft ohne direkten Bezug zu etablierten Gruppierungen. Damit wächst die Gefahr durch „Einzeltäter„, die sich selbst radikalisieren und kaum frühzeitig zu erkennen sind. Gleichzeitig bleiben internationale jihadistische Netzwerke ein relevanter Faktor, auch wenn sie in Deutschland weniger sichtbar agieren als in früheren Jahren. Hinzu kommt der Einfluss globaler Krisen: Konflikte im Nahen Osten wirken bis nach Nordrhein-Westfalen und verstärken Radikalisierung sowie Mobilisierung innerhalb der Szene.
Auslandsbezogener Extremismus: Konflikte aus der Ferne wirken vor Ort
Ebenso dynamisch entwickelt sich der Bereich des auslandsbezogenen Extremismus. Mehr als 6.000 Personen werden diesem Spektrum zugerechnet – Tendenz steigend. Gemeint sind damit politische oder ideologische Bewegungen, deren Ursprung außerhalb Deutschlands liegt, die aber hierzulande aktiv sind. So wird zum Beispiel propalästinensische Solidarität durch Extremist:innen instrumentalisiert. Auch die Ülkücü-Bewegung ist in diesem Themenfeld aktiv:
„(…) vermittelt der Nahostkonflikt auch tendenzielle Anschlussfähigkeiten in den Bereich des türkischen Rechtsextremismus. Prägendes Moment ist hier dann nicht der „antiimperialistische Kampf“ gegen das israelische Regime, sondern die antisemitischen Konnotationen, die der ideologischen Ausrichtung der Ülkücü-Bewegung inhärent sind. Werden diese Konnotationen meist nur im digitalen Raum öffentlich wirksam, konnten während einer Demonstration in Düsseldorf im Berichtsjahr vereinzelt auch Symbole der Türkischen Rechtsextremisten identifiziert werden; zum Beispiel der graue Wolf („Bozkurt“) auf einem Motorradhelm sowie das Wort „Türk“ in Runenschrift auf einer Kutte.“
Verfassungsschutzbericht NRW 2025, S.195, Link: vsb2025_online_0.pdf , gesichtet am 22.04.2026.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie stark internationale Konflikte in die Gesellschaft hineinwirken. Auseinandersetzungen im Ausland führen auch in NRW zu Protesten, Spannungen und teilweise zu Straftaten. Der Verfassungsschutz spricht hier von einem „Import von Konflikten“, der das gesellschaftliche Klima zunehmend belastet.
Gemeinsame Trends: Vernetzung, Digitalisierung, Entgrenzung
Trotz ihrer Unterschiede weisen beide Phänomenbereiche ähnliche Entwicklungen auf. Extremistische Akteure agieren heute stärker vernetzt und nutzen digitale Plattformen gezielt zur Rekrutierung und Mobilisierung. Grenzen zwischen einzelnen Ideologien verschwimmen, während internationale Einflüsse an Bedeutung gewinnen. Für die Sicherheitsbehörden bedeutet das eine wachsende Herausforderung: Klassische Strukturen lösen sich auf, Bedrohungen entstehen oft spontan und sind schwer vorhersehbar.
Fazit
Der Verfassungsschutzbericht NRW 2025 macht deutlich, dass sich Extremismus nicht nur quantitativ ausweitet, sondern vor allem qualitativ verändert. Islamismus bleibt eine ernsthafte Gefahr, insbesondere durch Online-Radikalisierung und Einzeltäter. Der auslandsbezogene Extremismus gewinnt gleichzeitig an strategischer Bedeutung – nicht zuletzt durch staatlich gesteuerte Einflussversuche. Die Sicherheitslage wird damit komplexer. Die Grenzen zwischen innen- und außenpolitischen Bedrohungen verschwimmen zunehmend – mit spürbaren Auswirkungen auf die Gesellschaft in Nordrhein-Westfalen.


