Wenn über Radikalisierung und Rechtsextremismus gesprochen wird, richtet sich der Blick häufig auf diejenigen, die sich extremistischen Ideologien zuwenden. Doch Prävention muss auch fragen: Wer ist von diesen Ideologien betroffen – und wer braucht Schutz?
Ein Beitrag der Fachstelle Türkischer Rechtsextremismus (FaTRex) macht auf eine bislang wenig beachtete Perspektive aufmerksam: Menschen, die in Deutschland von türkisch-nationalistischen und islamistisch-nationalistischen Anfeindungen, Einschüchterungen oder Bedrohungen betroffen sind, werden in öffentlichen Debatten ebenso wie in Pädagogik und Präventionsarbeit häufig nur unzureichend wahrgenommen.
Wenn aus Rechtsextremismus ein „Konflikt unter Migranten“ wird
Kurdische, alevitische, armenische, säkulare, linke oder queere Menschen können zu Feindbildern türkisch-nationalistischer Ideologien werden. Im Alltag können sich solche Einstellungen durch Beschimpfungen, nationalistische Symbole, Einschüchterungen, Ausgrenzung oder Drohungen äußern.
Das Problem: Solche Vorfälle werden mitunter als „innermigrantischer Konflikt“, persönlicher Streit oder Auseinandersetzung über Politik im Herkunftsland interpretiert. Damit besteht die Gefahr, dass der ideologische Hintergrund aus dem Blick gerät.
Für Betroffene kann das bedeuten, ihre Erfahrungen nicht nur schildern, sondern zunächst beweisen und politisch einordnen zu müssen. Gerade für junge Menschen kann dies eine erhebliche Belastung darstellen.
Opfer und Täter passen nicht immer in einfache Kategorien
Für die Radikalisierungsprävention ist ein weiterer Gedanke besonders wichtig: Menschen können selbst Diskriminierung oder Rassismus erfahren und gleichzeitig nationalistische, antisemitische, queerfeindliche oder andere menschenfeindliche Einstellungen vertreten.
Präventionsarbeit muss deshalb unterschiedliche Erfahrungen gleichzeitig wahrnehmen können. Rassismuserfahrungen müssen ernst genommen werden. Sie dürfen jedoch nicht dazu führen, extremistische oder menschenfeindliche Positionen zu relativieren. Umgekehrt darf die Beschäftigung mit türkischem Rechtsextremismus nicht dazu führen, Jugendliche aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder familiären Geschichte unter Generalverdacht zu stellen.
Prävention braucht auch eine Betroffenenperspektive
Der Beitrag von FaTRex plädiert deshalb für eine stärkere Betroffenenorientierung in Pädagogik und Prävention.
Das bedeutet nicht, den bisherigen Blick auf Radikalisierungsprozesse aufzugeben. Vielmehr muss er erweitert werden. Fachkräfte sollten nicht nur mögliche Radikalisierungsanzeichen erkennen, sondern ebenso sensibel dafür sein, wenn junge Menschen innerhalb ihrer Peergroup, Schule, Familie oder Community aufgrund ihrer Identität oder politischen Haltung unter Druck geraten. Dabei gilt allerdings: Aufmerksamkeit darf nicht zu Zuschreibung werden. Nicht jedes Schweigen, jeder Konflikt und jedes nationalistische Symbol ist automatisch Ausdruck einer konkreten Gefährdung. Professionelle Prävention muss beobachten, nachfragen, Zusammenhänge einordnen und Betroffenen niedrigschwellige Möglichkeiten bieten, Unterstützung zu erhalten.
Hinschauen, einordnen und Haltung zeigen
Für Schulen, Jugendhilfe und Präventionsarbeit ergeben sich daraus einige zentrale Aufgaben:
- Betroffene und ihre Perspektiven ernst nehmen und ihnen sichere Ansprechpartner bieten.
- Nationalistische und extremistische Ideologien nicht vorschnell als „importierte Konflikte“ abtun.
- Antisemitismus, Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit klar benennen.
- Eigene Wissenslücken über türkischen Rechtsextremismus und seine Feindbilder erkennen und fachliche Expertise hinzuziehen.
- Diskriminierungserfahrungen anerkennen, ohne extremistische Einstellungen damit zu entschuldigen.
- Junge Menschen weder aufgrund ihrer Herkunft als Täter noch automatisch als Betroffene kategorisieren.
Türkischer Rechtsextremismus ist kein Problem, das außerhalb der deutschen Gesellschaft stattfindet. Seine Ideologien, Konflikte und Auswirkungen zeigen sich auch in Schulen, Jugendgruppen, sozialen Medien und anderen Lebenswelten junger Menschen.
Für Radikalisierungsprävention bedeutet das, genauer hinzusehen: Wer radikalisiert sich? Wer übt Druck aus? Wer wird bedroht? Und wer wird bislang nicht gehört?
Eine Prävention, die diese Fragen zusammendenkt, schützt Betroffene, verbessert die Wahrnehmung extremistischer Dynamiken und stärkt demokratische Räume. Genau deshalb gehört die Betroffenenperspektive nicht an den Rand der Radikalisierungsprävention – sondern mitten hinein.
Illustration: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)


